Brust oder Keule (Chicken Police, Folge 4)

Epilog

Er sah durch das Schlüsselloch.
“Was siehst du?”, flüsterte Amy.

Carter überlegte, ob er einen schlechten Gag über nackte Frauen machen sollte, biss sich aber auf die Zunge und sagte so nüchtern wie möglich:
“Pfandflaschen. Jede Menge davon.”

Etwa zwei Stunden, nachdem sie die dünne Eingangstür mit ihren Spitzhacken mühelos eingerissen hatten, war auch der dahinter liegende Flur der Wohnung soweit von Glasflaschen befreit, dass sie zwei weitere Türen erkennen konnten. Wo vormals ein dritter Durchgang gewesen sein musste, war das Haus in zwei Teile zerbrochen. Stumm ragte ein dunkler Abgrund mit Schutt und Geröll und Resten von Glas.

Amy nahm eine Messung vor.
“Dahinter muss ein größerer Hohlraum sein!”
Sie blickte auf das zerkratzte Display ihres Spektronometers und zeigte auf die linke Türöffnung.

“Wie kann man so viele Glasflaschen ansammeln?”
Carter wirkte sichtlich beeindruckt und machte sich an die vor ihm liegende Wand aus verstaubten Bierkästen und schlecht gestapelten Flaschen. Immer wieder fielen diese berstend zu Boden und ließen einen feinen Nebel aus winzigen Glassplittern zurück. Carter ächzte unter seiner Luftfiltermaske.

Plötzlich fiel Tageslicht durch die nun löchrige Wand aus Kästen und Pfand. Carter zog die Spitzhacke, um mit einem letzten Hieb den Durchbruch zu erzwingen. Die Wand gab sofort nach. Carter verlor das Gleichgewicht und stürzte mit den Kästen und Flaschen in den bisher verborgenen Hohlraum.

Amy stürzte an ihm und dutzenden rollenden Glasflaschen vorbei in etwas, das wie ein Wohnzimmer aussah. Helles Tageslicht drang durch die vollkommen intakte Fensterfront. Amy blickte nur kurz auf das Ruinenfeld von Bonn und begann, hektisch die ebenfalls unversehrten Regale und Schränke zu durchsuchen.

Carter richtete sich mühsam auf. Glasscherben hatten seinen Overall durchschnitten. Er blutete leicht. Amy bedachte ihn mit einem Seitenblick.
Carter winkte ab. “Nichts ernstes.”

Vor ihm sah er ein Zimmer, dessen Einrichtung ihn an die alten Kataloge aus der Großen Bibliothek erinnerte, die sie zur Recherche genutzt hatten.
“Hm, frühes 21. Jahrhundert”, schätzte Carter.

An den Wänden standen zwei Regale mit Büchern, von deren Autoren er noch nie etwas gehört hatte, und zwei verstaubte Modellfahrzeuge, die wie Spielzeug aussahen. An der großen Fensterfront stand ein Schreibtisch mit einem schwarzen Bildschirm darauf, der deutlich kleiner war als in den anderen Wohnungen, die sie in den letzten acht Monaten ihrer Expedition ausgegraben hatten.

“Schau Mal, hier liegt schon wieder so ein Ikea-Tep-”
“Er ist es!” unterbrach Amy Carter und ging nervös auf ihn zu. “Er ist es wirklich!”

In ihrer Hand, die sie ihm zitternd entgegen hielt, lag eine kleine, verblichene Karte aus Kunststoff mit einem Magnetstreifen. Als Carter den darauf eingeprägten Namen las, verließen ihn seine Kräfte. Er sank zu Boden auf den stumpfen Teppich und kämpfte mit den Tränen.

Amy beugte sich zu ihm und flüsterte:
“Wir haben es geschafft.”

Der Bergungstrupp, der zwei Tage später eintraf, durchsuchte und dokumentierte alles, was vom vorherigen Bewohner zurückgelassen worden war. Bücher, Schränke, Datenträger – sogar drei mysteriöse Tupperdosen aus dem, was einmal ein Kühlschrank gewesen sein muss. Alles würde so lange im Depot der Großen Bibliothek eingelagert werden, bis der Wissenschaftsrat eine Entscheidung getroffen hat. Das konnte Jahre dauern.

Carters Blick verfinsterte sich bei diesem Gedanken. In seiner fest verschlossenen Faust verbarg sich ein kleiner, unscheinbarer Datenstick. Amy hatte ihn selbst zwischen einem Haufen Kassenbons und verrosteten Batterien entdeckt, dem Bergungstrupp aber nichts davon erzählt.

Fast unleserlich war eine Folge aus Buchstaben und Ziffern auf dem metallenen Stick zu erkennen.
„k–h–d–g–c–p–0–4“, buchstabierte Amy auf dem Rückweg ins Basislager leise vor sich hin.

Carter war sich sicher, dass sie endlich gefunden hatten, was seit mehr als 100 Jahren als verschollen galt.

Die letzte Folge.

Archivarische Notiz

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